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Ein Kommentar

Interview mit Heide Göttner-Abendroth: Gesellschaften in Balance

Die deutsche Philosophin, Kultur- und Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth ist am 16. Oktober 2014 um 19.30 Uhr auf Einladung des Landesbeirates für Chancengleichheit für Frauen und des Frauenbüros der Provinz sowie der Frauenorganisationen „Alchemilla“ und den autonomen „TANNAS“ in der Eurac in Bozen. Sie hält dort einen Vortrag zum Thema „Gesellschaften in Balance“. TANNA-Frau Donatella Trevisan übersetzt am 16. Oktober den Vortrag von Heide Göttner-Abendroth ins Italienische.

Heide Göttner-Abendroth Porträt2

Heidi Hintner führte mit Heide Göttner-Abendroth das folgende Gespräch für TANNA:

1. Frage: Sie sind die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung und sprechen von „Gesellschaften in Balance“. Was heißt das?

HGA: Matriarchale Gesellschaften, von denen es heute noch einige lebende gibt, kennen eine Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern, denn Frauen und Männer haben ihre je eigene Aktionssphäre, die gleichwertig sind. Matriarchate sind daher geschlechter-egalitär. Die politischen Entscheidungen werden im Konsens aller Mitglieder getroffen, auf der familialen Ebene genauso wie auf der dörflichen oder städtischen und regionalen.
Ebenso gibt es Balance in der Ökonomie, denn es wird durch das Tauschen und Schenken von Gütern stets für Ausgleich gesorgt, so dass es keine Kluft zwischen Arm und Reich entsteht. Dasselbe gilt für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, denn auch hier wird für Ausgleich gesorgt. Das hemmungslose Nehmen ohne Geben und das Ausplündern der Natur, der unteren Schichten und der Frauen im Allgemeinen, wie es in den westlich-patriarchalen Gesellschaften üblich ist, kennen sie nicht.

2. Frage: Heißt „Matriarchat“ aber nicht „Herrschaft der Frauen/Mütter“?

Das griechische Wort „arché“ hat zwei Bedeutungen: einmal heißt es „Herrschaft“, zum anderen „Anfang“. Die letzte Bedeutung finden wir in solchen Wörtern wie „Archäologie“, „Archetyp“, Arche Noah“, die alle „Ursprung/Anfang“ beinhalten. Ich übersetze daher „Matri-archat“ als „am Anfang die Mütter“, was sowohl für den Lebensanfang wie auch kulturhistorisch gilt. Denn die ersten Kulturen wurden von Frauen geschaffen.

3. Frage: Welche Stellung haben Mütter in Matriarchaten. Geht es dort um die Weisheit der Mütter?

HGA: In matriarchalen Gesellschaften stehen Frauen und Mütter im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber sie herrschen nicht. Das ist bei ihrer Konsenspolitik auch gar nicht möglich. Aber man hört auf den Rat der älteren Frauen, der Clanmütter, und man sorgt für den Schutz der jüngeren Frauen und Kinder. Denn in Matriarchaten respektiert man das allgemeine Grundprinzip, dass die Kinder die Zukunft der Gesellschaft sind, und dass es die Mütter sind, die für diese Zukunft sorgen. In unseren westlichen Patriarchaten wird Mutterschaft hingegen verachtet und birgt ein hohes Armutsrisiko, weshalb viele Frauen nicht mehr Mütter sein wollen.

4. Frage: Welche Bedeutung können matriarchale Gesellschaften für uns heute haben? Können sie eine Alternative zu unseren heutigen Gesellschaftsformen sein?

HGA: Wenn man die sehr intelligenten gesellschaftlichen Regeln in matriarchalen Gesellschaften studiert – was anhand der noch existierenden Matriarchate ja möglich ist – dann sieht man, dass wir eine Menge davon lernen können. Zum Beispiel die Ausgleichsökonomie statt der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen den Superreichen und dem Rest der Welt. Zum Beispiel die völlige Gleichwertigkeit der Geschlechter in den ökonomischen, politischen und kulturellen Bereichen, die weder Geschlechterkonkurrenz noch Geschlechterkampf nötig macht. Zum Beispiel die Konsenspolitik im Clanrat, Dorfrat, regionalem Rat, bei dem alle Mitglieder der Gesellschaft eingebunden sind – eine echte Basisdemokratie. Von alledem sind wir doch meilenweit entfernt! In diese Richtung können wir viele alternative neue Lebens- und Gesellschaftsformen finden, die alle matriarchale Elemente besitzen werden.

Danke für das Gespräch.

Heide Göttner-Abendroth libro

VORTRAG
„Gesellschaften in Balance“
von Heide Göttner-Abendroth
im Rahmen ihrer Italien-Tournee vom 1. bis 17. Oktober 2014

am 16. Oktober 2014 in Bozen
um 19.30 Uhr in der Eurac, Drususallee 1

Eine Zusammenarbeit von:
Landesbeirat für Chancengleichheit, Frauenbüro der Provinz Bozen
und den Frauenorganisationen „Alchemilla“
und den eigenmächtigen TANNAS.
Übersetzung ins Italienische von TANNA Donatella Trevisan.

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