TANNA

eigenmächtige frauen * donne tenaci * ëiles liedies


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Nabresina Moretti

Ich erinnere mich noch genau, wie ihre Augen sich jedes Mal trübten, wenn sie mir von ihrem letzten Schultag erzählte. Ihre Mutter, die insgesamt 13 Kinder geboren hatte, war während der großen spanischen Grippewelle gestorben. So mussten sie und alle Schwestern die Schule verlassen, um die Arbeit zu Hause und im Hof zu übernehmen. Für den Vater und die Brüder kochen, waschen, bügeln, nähen, putzen. Hennen, Schweine und Kühe versorgen. Sich um den Gemüsegarten und die Obstwiese kümmern. Sie war achteinhalb, besuchte die zweite Volksschulklasse. Den Weg bis zum Unterricht ging sie jeden Tag zu Fuß, hin und zurück. Eineinhalb Stunden hin und eineinhalb zurück. Zuvor hieß es aber beim Brotbacken und Melken helfen, danach Boden wischen, Kartoffeln schälen, Unkraut jäten, Seifenlauge vorbereiten, Marillen einlegen, Schuhe putzen, Holz machen, Socken flicken, Wasserkübel ins Haus schleppen.

Es war ein hartes, undankbares Leben. Aber die Schule, das war etwas anderes. Nichts auf der Welt war schöner! Ja, ich erinnere mich noch genau, wie ihre Augen jedes Mal aufleuchteten, wenn sie mir eines der Gedichte vortrug, das sie in ihrer kurzen und abrupt beendeten Erfahrung als Schülerin gelernt hatte. Sie hatte immer noch eine kindliche Handschrift und zeichnete die Buchstaben langsam, mit fast religiöser Andacht auf das Blatt. Rechnen konnte sie jedoch gut und schnell, denn das lernt man auch ohne Schule, dafür genügt das Leben in ständiger Geldnot.

In den drei Nächten, bevor ihre Mutter starb, hatte draußen eine Eule geschrien. Sie wusste, dass es ein schlechtes Vorzeichen war, und machte sich aufs Schlimmste gefasst. Ihre tote Mutter besuchte sie im Laufe ihres Lebens etliche Male im Traum, und immer starb dann kurz danach jemand aus ihrer Familie. Ja, meine Großmutter hatte verlässliche Botschafter aus dem Jenseits. Vielleicht war dieses Privileg eine Art Ausgleich für ihr unprivilegiertes Dasein im Diesseits. Sie hätte andere Privilege lieber gehabt. Das Hellseherische an ihr selbst machte ihr Angst. Sie betete jeden Abend. Es waren Gebete auf Latein, deren Inhalt sie ignorierte und die sie wie Zauberformeln aufsagte. Jede Kategorie (die Verstorbenen, die Kranken, die Sünder) hatte ihre eigene. Eine davon gefiel mir als Kind so sehr, dass ich sie sogar als Zählreim benutzte. Erst als ich in die Oberschule kam, erfuhr ich, dass ich damit meinen Spielgefährten regelmäßig gewünscht hatte, dass Gott ihnen eine ewige Ruhe schenken möge, denn dies war die eigentliche die Bedeutung des „requie meterne dominis dominis“ (eigentlich: requiem aeternam dona eis domine), das mich so oft in den Schlaf gewogen hatte.

In den dreißiger Jahren, den Hof hatten in der Zwischenzeit die Brüder geerbt, zog meine Großmutter zusammen mit einer ihrer Schwestern nach Südtirol. Sie arbeitete jahrelang als Dienstmädchen in Privathaushalten, natürlich ohne jedweden Vertrag, ohne Absicherung oder Renteneinzahlung. Während des Krieges heiratete sie einen Mann, den ihr wie üblich ein Traum vorangekündigt hatte, und brachte drei Kinder auf die Welt, das letzte starb wenige Tage nach der Geburt. Sie nähte die Kleider für meinen Vater und seinen Bruder selbst, meist spätabends oder nachts. Hosen aus alten Matratzenüberzügen, mit riesigen Einnähten, damit sie in Länge und Breite Jahr für Jahr dem natürlichen Wachstum der Kinder angepasst werden konnten, und Hemden aus abgenutzten Leintüchern. Auch ihre eigenen Röcke, Blusen und Jacken fertigte sie selbst an.

Sie wohnte in „Schangai“, dem Stadtviertel der Semirurali, in einer winzigen Wohnung nicht unweit vom berüchtigten Durchgangslager. Jedes Mal, wenn die von den SS eskortierten Kolonnen der Häftlinge durch die Straße zogen, warf sie ihnen vom Fenster etwas vom wenigen Essbaren zu, das sie hatte. Alle im Viertel hatten es gegen „die Deutschen“ und solidarisierten mit den Gefangenen, versuchten ihnen irgendwie zu helfen, auch wenn es alles andere als ungefährlich war.

Als sie 1946 zum ersten Mal wählen durfte – der Wahlgang blieb ihr bis zuletzt eine heilige Pflicht – gab sie ihre Stimme für die Monarchie in die Urne. Sie hatte eine ausgesprochene Schwäche für Prinzen und Prinzessinnen. Die hatten Manieren und wurden von allen geachtet. Sie wurde hingegen regelmäßig geschlagen und gedemütigt, wehrte sich aber nie offen dagegen. Es gehörte einfach, wie der ganze Rest, zum vorgegebenen Lauf der Dinge. Wie der Tod der Bruna, deren Foto neben dem ihrer Hochzeit stets auf der Kommode thronte, die mit im Alter von 20 Jahren nach 40 Tagen Agonie im Krankenhaus gestorben war, weil es in der Fabrik, in der sie arbeitet, einen Brand gegeben hatte. Mit 48 wurde sie Witwe, und lebte bis zum Schluss ihrer Tage mit einer Mindestrente. Als mein Vater eine deutschsprachige Südtirolerin heiratete, war sie nicht sonderlich begeistert, nahm es aber hin und unterstützte von allem Anfang an meine Mutter tatkräftig im Haushalt und mit uns Kindern. Ab und zu, wenn’s besonders notwendig war, wohnte sie auch bei uns. Als in Italien das Referendum zur Scheidung stattfand, nahm sie an den heftigen Debatten, die im Kreise der Familie stattfanden, mit nur einem knappen Satz teil: „Ich bin dafür“.

Meine Großmutter war tüchtig, hatte trotz ihrer meist schüchtern-gekränkten Miene ein ansteckendes Lachen, erfand für uns Enkelkinder ein Haufen witzig-liebkosender Spitznamen, konnte ungemein spannende Geschichten erzählen. Sie hatte ein einziges, großes Bedauern: Sie wäre als Kind gern weiter zur Schule gegangen. Vielleicht hätte sie sich so – zumindest zum Teil, zumindest ein wenig – dem vorgegebenen Lauf der Dinge entzogen. Aber sie war eine Frau, noch dazu geboren in einer Bauernfamilie, in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts.

Ich schaue mich im Spiegel an. Hinter den ersten Falten erkenne ich immer noch das Mädchen, das nächtelang geheim unter den Decken gierig Bücher jeder Art las. Sie waren mein Tor zu anderen Welten, anderen Werten, anderen Wegen, als die, die mir das Leben damals zu bieten schien. Sie waren mein Tor zu mir selbst. Ja, ich hätte Indianerhäuptlingin oder Priesterin werden können, Weltraumfahrerin oder Polizistin, Dichterin oder Staatsfrau, Seiltänzerin oder Biologin, Seefahrerin oder Journalistin oder Rechtsanwältin. Ja, ich hätte einen mir ebenbürtigen Menschen gefunden, der mich liebte, achtete und unterstützte und den ich gleichermaßen liebte, achtete und unterstützte, oder auch allein gelebt, oder sonst eine Wohngemeinschaft gegründet. Ich hätte Kinder gekriegt oder adoptiert, vielleicht aber auch nicht. Ich hätte die Augen offen gehalten, nach Gerechtigkeit und Freiheit getrachtet, Verantwortung und Stärke gezeigt, aber Schwäche nicht verpönt. Ich hätte aus mir selbst einen wahren Menschen gemacht. Ich schaue in mein Spiegelbild: Meine Großmutter lächelt mir im Hintergrund zu.

Donatella Trevisan